Wenn wir doch darüber geredet hätten …!

 Der Hirntod in den Erfahrungen eines Klinikseelsorgers. [1]

I.

Von Erfahrungen ist zu berichten. Von Begegnungen mit Menschen, die sich in einer außergewöhnlichen, extremen Lebenssituation befunden haben. Ich möchte die Menschen, die mir im Zusammenhang mit dem Hirntod begegnet sind, in „Betroffenen-Gruppen“ zusammenfassen und nacheinander in den Blick nehmen. Dabei werde ich versuchen, exemplarische Situationen näher zu betrachten, von denen ich glaube, dass sich Erhellendes, hoffentlich Hilfreiches, in jedem Falle aber Nachdenkenswertes gewinnen lässt.

Aus der von mir gewählten Überschrift – „Wenn wir doch darüber geredet hätten…!“ – können Sie meine These schon entnehmen: Ich bin der Auffassung, dass bei fast allen Beteiligten zu wenig über das Thema gesprochen wird, und dass es vielen an Wissen und Vorstellungen über das fehlt, was sich im Zusammenhang mit dem Hirntod auf den Intensivstationen unserer Krankenhäuser abspielt. Mehr Wissen und mehr Gespräch sind aus meiner Sicht dringend erforderlich und würden allen gut tun.

Bei allen Überlegungen kann und will ich nicht verleugnen, dass ich als Klinikseelsorger der Evangelischen Kirche meine Erfahrungen gesammelt habe. Ich trete in einer bestimmten Rolle in die beschriebenen Situationen ein. Dabei treffe ich auf Erwartungen, die sich mit meiner Funktion als Pfarrer in der Krankenhausseelsorge verbinden. In dem, was ich mitbringe, und in dem, was ich mitnehme und an Reflexionen gewinne, spielen meine theologischen Standpunkte und mein persönlicher Glaube eine zentrale Rolle.

II.

Kommen wir zur ersten Gruppe von Menschen, die mit dem Hirntod zu tun bekommen. Das sind natürlich die Hauptbetroffenen selbst, Menschen, die sich auf der Grenze zwischen Leben und Tod wiederfinden. Meist plötzlich getroffen – etwa durch einen Unfall im Verkehr, am Arbeitsplatz oder beim Sport mit einer schweren Schädel-Hirn-Verletzung. In der Hoffnung auf Wiederherstellung in die Universitätsklinik gebracht, aber dann ohne Bewusstsein, beatmet, nur durch die Unterstützung der Intensivmedizin am Leben gehalten. Dann taucht die Frage auf, können wir überhaupt noch von Leben sprechen? Oder sind wir in eine Situation hineingesteuert, die die Ärzte als Hirntod bezeichnen? Wenn das tatsächlich so sein sollte, wie ist diese Diagnose zu bewerten? Wie steht oder wie stand der betroffene Mensch, – je nach Sichtweise und Bewertung – der noch sterbende oder schon gestorbene Mensch selbst dazu? Und nicht zuletzt: Was hat er oder sie zu der möglichen Konsequenz einer Organentnahme gedacht?

Eine erste Erfahrung:

Ein junger Mann wird bei einem Motorradunfall schwer verletzt. Da er mit anderen gemeinsam unterwegs war, sind die ersten, die ihn nach der operativen Versorgung auf der Intensivstation besuchen, seine Freunde. Die Eltern kommen nach einer weiten Anreise erst zwei Tage später dazu. Die medizinische Situation ist inzwischen auf einen vermuteten Hirntod zugesteuert. Aus Sicht der behandelnden Ärzte könnte die Hirntoddiagnostik eingeleitet werden.

Ein Arzt nimmt mich auf der Intensivstation beiseite und fragt, wie er sich verhalten soll. Den Freunden, alle selbst Motorradfahrer, sei bekannt, dass ein Organspenderausweis vorliege. Sie sind der Überzeugung, dass ihr Freund nichts gegen den Beginn der Hirntoddiagnostik einwenden würde und dass er im Fall, dass man tatsächlich den Hirntod feststellen sollte, einer Organentnahme zustimmen würde. Sie alle machen einen gut informierten Eindruck. Die Eltern wissen davon nichts und haben sich offenbar nie mit der Frage des Hirntodes beschäftigt. Sie sind in einer Art Schock gefangen und kaum gesprächsfähig.

Das ist sozusagen eine „klassische“, typische Situation. Typisch deshalb, weil nach meinen Beobachtungen junge Menschen eher bereit sind, sich mit einem Thema wie dem Hirntod zu beschäftigen. Sie sind offener für die Themen Organentnahme und Organspende. Das mag zum einen dadurch bedingt sein, dass sie selbst eher als Spender infrage kommen und – gesetzt den Fall, dass sie selbst einmal ein Organ brauchen sollten, um weiterleben zu können, – dann eine längere Lebensphase vor sich sehen, die damit zu gewinnen ist. Der Hirntod wird dabei von vielen relativ vorbehaltlos akzeptiert, weil alles, was sich damit verbindet – der Ausfall von Sprache und Beweglichkeit, das Ende aller Kommunikation und allen Empfindungsvermögens –, einem Schreckensszenario gleichkommt, dass niemand erleben möchte. Tot sein, erscheint dann als das leichtere Schicksal, als in einen Komazustand zu geraten, aus dem es kein Entrinnen mehr geben kann.

Typisch ist an der beschriebenen Situation auch, dass in dem bestehenden Beziehungsnetz erkennbar wird, wer da mit wem im Gespräch war. Unter den Freunden war das Gespräch möglich. Da wusste einer vom anderen, ob man einen Organspenderausweis bei sich trägt oder nicht. Zwischen dem verunfallten jungen Mann und den Eltern traf das offenbar nicht zu. Vielleicht war ein Gespräch über einen denkbaren frühen Tod des eigenen Kindes mit den Eltern nicht möglich, weil allein der Gedanke daran, soviel Angst ausgelöst hätte, dass alle sich für das Schweigen entschieden haben.

Typisch ist an der beschriebenen Situation, dass es schwierig wird, wenn solche Themen zwischen Angehörigen umgangen werden. Ein Tod – ob der eines Menschen, bei dem man den Hirntod diagnostiziert hat, oder bei jeder anderen Weise zu Tode zu kommen – ein Tod betrifft in den seltensten Fällen nur den Sterbenden allein. Es sind fast immer andere mit betroffen: Partner oder Kinder, Eltern oder Geschwister, enge Freunde … Der Arzt, der mich da ansprach, wusste das offenbar nur zu genau. Die rechtlich eindeutige Situation, – da hatte ein Mensch dokumentiert, für die Organspende bereit zu sein, wenn der Hirntod bei ihm festgestellt werden sollte –, war dennoch problematisch. Die Eltern, in diesem Fall die nächsten Angehörigen, waren mit seiner Entscheidung erst auf der Intensivstation konfrontiert. In diesem konkreten Fall, haben die Eltern Zeit gebraucht und sie auch bekommen. Nach intensiven Gesprächen miteinander, mit einem der Ärzte, auch mit dem Seelsorger, konnten sie schließlich die Entscheidung des Sohnes akzeptieren.

Es bleibt dennoch festzuhalten: Ein Gespräch vorher hätte in der schwierigen, hoch belasteten Situation auf der Intensivstation allen das Leben leichter gemacht. Es macht unbedingt Sinn, einen Organspenderausweis nicht nur bei sich zu tragen, sondern auch alle darüber zu informieren, die im Falle dessen, dass dieser Ausweis tatsächlich einmal gebraucht wird, mit betroffen sein werden – Partner, Familie, enge Freunde. Darin sollte aus meiner Sicht eingetragen sein, wie man zu diesem Thema steht: ablehnend oder zustimmend, pauschal Ja oder Nein sagend oder auch eine ganz differenzierte Position einnehmend. Wichtig ist, dass deutlich wird, wie jemand darüber denkt. Und nicht weniger wichtig ist, dass die dann Mit-Betroffenen Kenntnis von allem haben.

Einen kritischen Zwischenrufe möchte ich an dieser Stelle nicht zurückhalten: Wir haben in den letzten Jahren eine immer stärkere Gewichtung der Subjektautonomie erlebt.[2] Dass ein Mensch über sich und sein Leben in jeder Phase so weit wie nur irgend möglich selbst bestimmen soll, gehört zu den gesellschaftlich akzeptierten Prinzipien, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erstritten worden sind. In der Beziehung zwischen Ärzten und Patienten ist die autonome Entscheidung des Patienten über seine Behandlung an die Stelle einer eher paternalistisch erlebten Fürsorge der Mediziner getreten. Während noch vor wenigen Jahrzehnten viele Ärzte allein bestimmt haben, welche Wahrheit über eine Erkrankung und die bestehenden oder nicht mehr bestehenden Heilungsaussichten ihren Patienten eröffnet wurden, gehen heute alle Kliniken von einem mündigen Patienten aus, der in vollem Umfang über seine Erkrankung und deren Heilungschancen informiert ist und über die Methoden der Behandlung aktiv entscheidet. Das ist im Ganzen eine gute und sinnvolle Entwicklung die niemand, auch ich nicht, zurückdrehen möchte.

Beim Tod, beim Hirntod in ganz besonderer Intensität, wird allerdings deutlich, dass neben dem Patienten selbst weitere Personen mit betroffen sind. Sie leiden mit und wollen wenigstens in die Kommunikation, aus ihrer Sicht auch in die Entscheidungsprozesse, einbezogen werden. In unserem Fall wird das an den schlecht informierten Eltern deutlich. Sie werden mit der Entscheidung über den Fortgang der Behandlung, die auf einer Organentnahme hinausläuft, weiterleben müssen. Wer steht für sie bereit, wenn ihnen bei einer Zustimmung zur Organentnahme später Zweifel kommen? Wer begleitet sie nicht nur bei der Entscheidungsfindung, sondern auch dabei, einen guten Weg, eine für Sie hilfreiche Form des Abschiednehmens zu finden? Gewiss, die Gesprächsangebote der Seelsorge bestehen, aber die Erfahrung zeigt: Nicht alle finden den Weg dahin. In den Kirchengemeinden fühlen sich die mit dem Thema nicht vertrauten Kolleginnen und Kollegen oft überfordert. Manchen Angehörigen erscheinen kirchliche Gesprächspartner aus weltanschaulichen Gründen nicht die richtigen zu sein. Und die Verortung der Seelsorge an eben der Klinik, mit der sich vielleicht schwierige Erinnerungen verbinden, ist manchmal ein Ausschlusskriterium. Die vorhandenen Angebote zum Gespräch für Angehörige und Freunde sind aus meiner Sicht in Zahl und Qualität steigerungsfähig. Die Beteiligung eines Unparteiischen ist hilfreich, aber nicht immer gewährleistet.

III.

Kommen wir zu einer zweiten Gruppe: den Zugehörigen, seien es Verwandte oder enge Freunde. Wenn ein Mensch auf der Intensivstation behandelt wird und vielleicht auf die Situation des Hirntodes zusteuert, wird eine eigentlich unglaubliche Leistung von denen verlangt, die dazukommen. Sie müssen begreifen, dass etwas geschieht, das sich ihrer sinnlichen Wahrnehmung vollkommen entzieht. Vor dem Beginn der Intensivmedizin, hatte der Tod für alle sinnlich wahrnehmbare Signale. Das Herz hörte auf zu schlagen, der Kreislauf brach zusammen, die Atmung setzte aus, der Körper erkaltete. Beim Eintreten des Hirntodes bleibt das alles erhalten. Das Herz schlägt weiter, der Kreislauf bleibt in Gang, die Brust hebt sich bei hörbaren Atemgeräuschen, die Hand, die man als Angehöriger oder Freund eines Patienten in der eigenen Hand hält, bleibt warm. Nichts, was ich dann sehen, hören, fühlen kann, deutet darauf hin, dass im Gehirn keine Signale mehr verarbeitet werden. Das zu begreifen, ist eben nicht nur eine den Verstand herausfordernde Leistung. Wer am Bett eines hirntoten Menschen gewesen ist, weiß, wie schwer das fällt, zu glauben, dass hier jemand tot sein soll.

Dazu ein weiteres Beispiel:

Ein Anruf von der Station: Neurologie, Intensivabteilung. Die sogenannte ‚Stroke Unit‘. Worum wird es sich diesmal handeln? Wieder ein Schlaganfall? Ein älterer Patient, hoffe ich. Ich betrete die Station über den Eingang für die Mitarbeitenden und melde mich im Arztzimmer. Erst einmal ein paar Informationen sammeln. Grob abschätzen, was mich im Zimmer erwarten wird. Hören, wer gekommen ist, wer dort um einen Angehörigen oder einen Freund / eine Freundin bangt.

Meine Hoffnung erfüllt sich nicht. Ein Mann in den so genannten besten Jahren, 46 Jahre alt. Eingeliefert nach einem plötzlichen Zusammenbruch am Arbeitsplatz. Die Wiederbelebungsversuche durch das herbeigerufene Notarztteam haben wahrscheinlich zu lange gebraucht. Das Gehirn war zu lange ohne den nötigen Sauerstoff. Herz und Kreislauf sind dennoch stabilisiert worden. Die Beatmung läuft. Aber ohne die Mittel der Intensivmedizin wäre der Tod definitiv und unzweifelhaft schon eingetreten. Mittlerweile am dritten Tag übernehmen die medizintechnischen Geräte die Aufgaben der Organe.

„Versuchen Sie alles! Wir brauchen ihn doch noch! Er darf noch nicht sterben!“ Das sind die verzweifelten Appelle der Ehefrau an die behandelnden Ärzte. Zwei Söhne gibt es, einer 19, der andere gerade 14 Jahre alt. Die beiden Ärzte, die mit mir sprechen, gehen davon aus, dass sich im Gehirn des Patienten keine Lebenszeichen mehr messen lassen. Sie haben Angst davor, der Ehefrau zu sagen, wie es um ihren Mann steht. Sie befürchten, sie könnte zusammenbrechen.

Wir gehen gemeinsam aufs Krankenzimmer. Die Ehefrau sieht uns durch das Fenster der Vorschleuse, kommt mit dem älteren Sohn aus dem Zimmer, und wir gehen nach nebenan. Der jüngere Sohn will und darf mit dem Vater allein bleiben. Als die Ehefrau begreift, wie es um ihren Mann bestellt ist, wenden sich ihre Gedanken ganz schnell dem jüngsten Sohn zu: „Wer soll ihm das sagen? Die sind sooo dicke miteinander! Der ist sein Augenstern! Ich kann das nicht!“ Wir einigen uns im Gespräch darauf, dass einer der Ärzte mich begleitet und wir dem jüngsten Sohn sagen, was nicht zu verschweigen ist.

Ich setze mich neben ihn. Er hält die Hand seines Vaters und streicht immer wieder darüber. Wir erklären ihm, was die medizinischen Geräte am Bett seines Vaters bewirken, und dass ohne diese technische Unterstützung das Herz nicht mehr schlagen und die Atmung aussetzen würde. Wir erklären auch, dass im Gehirn seines Vaters durch den erlittenen Schlaganfall und seine Folgen die Zellen abgestorben sind, die zum Weiterleben nötig sind. Der Junge protestiert: „Das stimmt doch nicht! Er sieht genauso aus wie gestern! Und jetzt soll er schon tot sein? Guck, er atmet doch! Er merkt doch, dass ich hier bin!“

Ich bleibe eine ganze Weile bei ihm sitzen. Der Arzt wird in einem Nachbarzimmer gebraucht. Als der Junge zu seinem Vater sagt: „Du darfst nicht tot sein! Wer soll denn jetzt mit mir auf den Send[3] gehen?“, weiß ich, dass die fürchterliche Botschaft bei ihm angekommen ist.

Was die Familie des sterbenden Mannes auf der Intensivstation erfahren hat, macht eine Überforderung angesichts des Hirntodes deutlich. Wir sollen begreifen, was wir nicht sinnlich erfassen können. Was wir als Vitalzeichen auf den Monitoren der Intensivstationen verfolgt haben – Puls, Blutdruck, Herzfrequenz –, diese Signale sollen auf einmal keine Lebenszeichen mehr sein. Die Feststellung des Hirntodes stellt unsere Sinne, unsere Wahrnehmung mit einem Mal infrage.

Seine medizinische Definition hat zwar gesellschaftliche Akzeptanz erfahren. Schließlich ist sie, gesetzlich gesichert, die Grundlage für die Erlaubnis, Organe entnehmen zu können. Und doch ist durch das Erleben jedem Beteiligten klar: Das Sterben eines Menschen ist ein Prozess, den wir medizinisch auch als solchen beschreiben können. Der Hirntod ist ein Punkt in diesem Prozess, den wir mit den in der Hirntoddiagnostik angewandten Methoden bestimmen. Damit ist der Sterbeprozess eines Menschen, an dessen Ende der Verfall des Körpers steht, nicht zu Ende. Wir definieren den in der Hirntod-Diagnostik bestimmten Punkt als „tot“, weil es von dem ermittelten Punkt im Sterbeprozess keine Rückkehr ins Leben mehr geben kann.

Wir brauchen diese Definition, um eine Grundlage zu gewinnen, auf der Ärzte eine Explantation von Organen straffrei vornehmen können. Ein Eingriff in den Körper eines Menschen zu diesem Zweck (die Lebendspende von Organen bleibt hier außer Betracht) würde sonst den Tod eines Menschen herbeiführen und stünde nach unserer Rechtsprechung unter höchsten Strafen. Die Definition des Hirntodes hat nach langen Diskussionen in einem offenen gesellschaftlichen Diskurs ihren Niederschlag in den entsprechenden Gesetzen gefunden.

Ich gestehe gern, dass ich diesen Punkt persönlich akzeptieren kann und deshalb einen Organspenderausweis in meinem Portemonnaie bei mir trage. Mir ist dabei bewusst, dass bei der Feststellung des Hirntodes, Körperfunktionen zum Zweck der Organentnahme mit medizinischen Mitteln, technischen wie medikamentösen, für eine gewisse Zeit aufrechterhalten werden, die bei einem natürlichen, unbeeinflussten Sterbeverlauf schneller zu ihrem Ende kämen. Der Sterbeprozess wird mit dem Ziel der Erhaltung von Organen für die Transplantation beeinflusst, wenn Sie so wollen, manipuliert.

Das halte ich für hinnehmbar, weil ein Zurück ins Leben zu diesem Zeitpunkt des Sterbeprozesses nicht mehr denkbar ist. Anders lautende Nachrichten, die zum Horrorszenario aufgebauscht durch die Presse laufen, halte ich für unseriös und schlecht recherchiert. Allenfalls glaubhaft wäre eine fehlerhaft verlaufene Hirntod-Diagnostik. Ich vertraue darauf, dass die beteiligten Arzte alles tun, um das zu vermeiden.

In der gegenwärtigen Diskussion wird dieser Punkt von zwei Seiten aus in Frage gestellt. Die einen sehen die Hirntod-Definition als kritisch, weil sie nicht akzeptieren können, dass der Tod schon eingetreten sei, wenn noch nicht alle Funktionen eines lebenden Menschen vollständig erloschen sind.[4] Der Ausfall des Gehirns als der Steuerungszentrale für alle lebenswichtigen Funktionen erscheint ihnen nicht ausreichend, um vom Tod eines Menschen zu sprechen. Die sogenannten ,,Lazarus­zeichen“, Bewegungen von Armen und Beinen, die bei der Organentnahme vom Explantationsteam wahrgenommen werden können, werden dafür als Argument ins Feld geführt, ebenso wie der manchmal messbare Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz. Diese Argumente sind sicher aufmerksam zu hören und die vorgeschlagenen Wege – verpflichtend mehr Medikamente zur Ausschaltung von Schmerzen und Bewusstsein und zur Entspannung der Muskeln zu verwenden – machen Sinn. Ein wirklich entscheidendes Argument gegen die Anwendung der Hirntod-Definition ist das aus meiner Sicht nicht.

Die Infragestellung der Hirntod-Definition kommt allerdings auch von anderer Seite. Wie in anderen Staaten üblich, solle man auch in Deutschland die ,,Dead-donor-Regel“ überdenken und eine rechtliche Situation schaffen, die es Ärzten erlaube, unter anderen, genau bestimmten Kriterien einem sterbenden Menschen, dessen Tod nicht mehr aufzuhalten sei, Organe zu entnehmen. Wenn ich die Argumente, die dazu vorgetragen werden, im Detail betrachte, dann kommen mir Zweifel daran, ob es dabei nur um hilfreichere Begriffe und Definitionen geht.[5] Die Befürworter einer Änderung der Hirntod-Definition setzen sich zugleich dafür ein, mehr und bessere Organe für eine erfolgreiche Transplantationsmedizin zu erhalten. Mit Ernst weisen sie darauf hin, dass ohne eine Änderung weiterhin zahlreiche mögliche Empfänger von Organen auf den Spenderlisten sterben werden. In anderen Ländern gilt deshalb bereits der Herztod als hinreichendes Todeskriterium und damit für die mögliche Organentnahme. Die Bundesärztekammer hält an der bestehenden Regelung fest.

Wohin auch immer unsere Gesellschaft mehrheitlich tendieren wird: Ein öffentlicher, intensiver Diskurs um die mögliche Aufgabe der Dead-donor-Regel scheint mir unumgänglich. Das wird am Ende vielleicht Auswirkungen auf die bestehenden Gesetze haben und deshalb mühsam und langwierig sein. Das sollte angesichts der Bedeutung des Themas aber gerechtfertigt sein. Die christlichen Kirchen in diesem Land werden gut daran tun, sich an diesem Diskurs zu beteiligen und ihre theologischen begründeten Positionen dabei einzubringen.

IV.

Welche Positionen sind aus christlicher, theologischer Sicht in die Diskussion um den Hirntod einzubringen? Ich möchte das an einigen wenigen Fragen deutlich machen, die mir aus verschiedenen Gesprächen in Erinnerung geblieben sind.

Eine Mutter, deren Kind schwer verletzt auf der Intensivstation behandelt wurde, war von einem der Ärzte gefragt worden, ob sie sich Gedanken über eine mögliche Organspende gemacht habe. Im Gespräch mit dem Seelsorger fragte sie, ob sie denn überhaupt ,,nein“ dazu sagen dürfe? Schließlich könnte das dem viel zu frühen Tod ihres Kindes noch einen Sinn geben, wenn mit seinen Organen anderen, die dringend darauf warten, das Weiterleben ermöglicht werde. Das sei doch ein Akt christlicher Nächstenliebe, dem sich eigentlich niemand verweigern dürfe. Oder?

In diesem Fall kam die Frage, ob die Organspende nicht als ein Akt der christlichen Nächstenliebe verstanden werden müsse, von einer betroffenen Mutter. In vielen Diskussionen mit Befürwortern der Organspende habe ich dieselbe Frage als Forderung gehört. Wer von Nächstenliebe spreche, dürfe sich doch gar nicht dem moralisch guten Ziel, dadurch bedrohtes Leben zu retten und zu erhalten entziehen. Bis hin in kirchliche Verlautbarungen und Pressemitteilungen kann man das als mehr oder weniger deutlich formulierte Forderung wiederfinden.

Bei der Wertung der Organspende als Akt christlicher Nächstenliebe habe ich meine Bedenken. Die Nächstenliebe wird in der Heiligen Schrift als Gebot bezeichnet. Auf die Frage eines Schriftgelehrten nach dem höchsten, also nach dem wichtigsten Gebot antwortet Jesus: ,,>Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt<. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: >Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst<. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“[6]

Ein Gebot lässt keine Wahl. Es bestimmt eindeutig, was die moralisch richtige, und was die moralisch falsche und deshalb verbotene Handlung ist. Ein Gebot ist für alle in gleicher Weise gültig, das heißt, es muss für jeden Menschen in gleicher Weise verpflichtend sein. Bezogen auf die Organspende müsste das moralisch Gebotene also das Ja zur Spende sein. Und das müsste für alle in gleicher Weise gelten.

Das ist eine Sicht auf das Leben und den menschlichen Körper, die aus einer interessegeleiteten Auslegung einer einzelnen Bibelstelle entspringt, einem Gesamtverständnis der Heiligen Schrift aus meiner Sicht allerdings widerspricht. Für Christen ist Gott der Schöpfer allen Lebens. Unser Leben und der Körper, an den es gebunden ist, sind ein Geschenk, das Gott gibt und am Ende wieder nimmt. Der Mensch „besitzt“ seinen Körper nicht, wie irgendein anderes irdisches Gut, über das er verfügen kann.

Gott hat ihm seinen Lebensatem eingehaucht. ,,Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“[7] Das Leben jedes Menschen verdankt sich dem Atem Gottes. Das gilt für jeden einzelnen. ,,Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“[8]

Weil Gott jedem einzelnen Geschöpf sein Leben schenkt, ist dieses Leben mit Ehrfurcht anzunehmen und der Körper, an den das individuelle Leben gebunden ist, mit Würde zu behandeln. ,,Denn du, Gott hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke.“[9]

Dass sich aus dem Zeugnis der Heiligen Schrift eine Verpflichtung oder ein moralisches Recht ableiten ließe, dass jeder Mensch einem anderen seine Organe zur Verfügung stellen muss, kann ich nicht erkennen. Mit dem eigenen Körper, an den jeweils mein individuelles Leben gebunden ist, in Verantwortung vor Gott umzugehen, mag für den einen bedeuten, Teile davon nach seinem Tod anderen zu überlassen. Das kann aus meiner Sicht aber nur die Gewissensentscheidung des Einzelnen sein. Eine Art Rechtsanspruch auf die Organe anderer zu haben, kann ich auch aus dem Gebot der Nächstenliebe nicht herleiten.

Eine andere Frage, begegnet ebenfalls immer wieder:

Wenn ich der Organspende zustimme und es tatsächlich dazu kommt, dass man mir Organe zum Zweck der Transplantation entnimmt, dann wird doch nicht mein ganzer Körper beerdigt. Dann lebe ich doch sozusagen, in anderen noch weiter… oder?

In dieser oder ähnlich formulierten Fragen schwingt offenbar einerseits die Angst mit, ich könnte mein Person-Sein verlieren, wenn Organe entnommen werden. Dem ist aus christlicher Sicht deutlich zu widersprechen. Unser Person-Sein hängt nicht an der Unversehrtheit unseres Körpers. Weder zu Lebzeiten noch im Blick auf unseren Leichnam nach unserem Tod. Paulus beantwortet die Fragen der Gemeinde in Korinth, wie man sich die Auferstehung vorstellen solle, so: ,,Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib so gibt es auch einen geistlichen Leib.“[10]

Unser Person-Sein macht Gott nicht von der Unversehrtheit unserer leiblichen Hülle abhängig. Von daher gibt es keinen Grund, einer Organspende zu widersprechen. Wie auch immer Christen sich zum Hirntod und zur Organspende stellen, es gilt, was in den Psalmen steht: ,,Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“[11]

Diese Gesichtspunkte sind aus meiner Sicht in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs aus christlicher Sicht einzubringen:

  • Es darf keine Verpflichtung geben, einer Organspende grundsätzlich zustimmen zu müssen. Das Ja oder Nein kann nur eine Gewissensentscheidung des Einzelnen sein.
  • Der menschliche Körper ist kein Ersatzteillager, das medizinischen Zwecken uneingeschränkt zur Verfügung steht.
  • Der Körper ist Träger des Person-Seins eines Menschen, von Gott geschenkt und – auch in seinem Tod – in Würde zu behandeln.

Was den Gedanken angeht, dass mein Herz nach meinem Tod in der Brust eines anderen Menschen schlägt und ich selbst deshalb in diesem anderen Menschen weiterleben könnte, – diese Vorstellung ist mit dem christlichen Glauben nicht in Einklang zu bringen.

V.

Einen kurzen Gedanken möchte ich noch auf diejenigen richten, die in der ganzen Diskussion um den Hirntod und die Organspende nur selten vorkommen: die Pflegenden und die Ärztinnen und Arzte, die den Hirntod feststellen, dann den Körper des Patienten für die Organentnahme vorbereiten und die Explantation vornehmen.

Als ich mit einer Chirurgin sprach, die zum ersten Mal an einer Organentnahme beteiligt war, ist mir deutlich geworden, dass auch im Blick auf diese Gruppe von Betroffenen, zu wenig Raum für das Gespräch bleibt.

„Es war das erste Mal. Ich musste mich so überwinden. Es war gut, dass ich mit dem Patienten vorher nichts zu tun hatte; ihn also nicht kannte. Sonst hätte ich das vielleicht gar nicht gekonnt. So ging es irgendwie. Ich musste mir immer wieder klar machen, wie vielen Menschen mit seinen Organen jetzt geholfen werden kann. Und wir haben da richtig viel entnehmen können. … Schreckliche Sprache, nicht?“

Was Pflegende und Ärzte bewegt, welche Bilder bei ihnen zurückbleiben, … – sich darüber auszutauschen ist für die Beteiligten ohne jeden Zweifel wichtig. Vorgesehen sind in den definierten Abläufen dafür aber weder Räume, weder Zeit noch Geld. Das in ein Instrument wie das der Supervision zu investieren, wäre aus meiner Sicht gut begründet und gut angelegt.

VI.

Mein letzter Punkt richtet sich – für Sie und meine hier anwesenden Kolleginnen und Kollegen vielleicht überraschend – an die Seelsorgerinnen und Seelsorger. In der Diskussion um den Hirntod und in den Erfahrungen, die damit gemacht werden, fällt mir in besonderer Weise auf, was im Umgang mit dem Tod im allgemeinen, auch sonst, zu sagen wäre, aber oft außen vor bleibt. Mir fällt die Sprachlosigkeit auf, wenn es um die Vorstellungen geht, was „danach“, was nach dem Tod kommt. Es scheint in unserer von den Naturwissenschaften geprägten Welt, beinah peinlich zu sein, wenn die Ewigkeit zur Sprache kommen müsste. Zwar bekennen wir sonntäglich im Credo ,,Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“, – das aber zur Sprache zu bringen, fällt offensichtlich schwer. Dabei könnte es doch eine Hilfe, ein Trost für alle Beteiligten sein, – gerade dann, wenn der Tod uns an unsere Grenzen führt, so wie das bei dem hier Besprochenen in besonderer Weise geschieht.

An den Schluss möchte ich deshalb einen Brief Martin Luthers stellen, den er an seinen Sohn Hans geschrieben hat.[12] Hans, oder besser Hänschen, wie er ihn gerufen hat, war von Beginn seines Lebens an ein Sorgenkind. Immer schwächelnd, immer wieder schwer krank, – so sehr, dass die Eltern um sein Leben fürchteten. Als auf dem Augsburger Reichstag das Bekenntnis der Evangelischen vor dem Kaiser, den Fürsten und Ständen verhandelt wurde, blieb Luther in Coburg. Über ihm schwebte noch die Reichsacht, so dass er nicht wusste, ob man ihn in Augsburg nicht als Ketzer verhaften würde. Also blieb er in der nächst gelegen Stadt auf sächsischem Boden, und Melanchthon führte an seiner Stelle die Verhandlungen. Vier schwierige, relativ einsame Monate im Leben Martin Luthers. Mitten hinein trifft ihn die Nachricht, dass Hänschen wieder erkrankt ist. Die Sorge, er könnte sterben, beschäftigt den Vater. Und Martin Luther schreibt seinem vierjährigen Sohn einen Brief:

„Meinem herzlieben Sohn Hänschen Luther in Wittenberg. Gnade und Friede in Christus! Mein herzlieber Sohn, ich höre sehr gerne, dass du eifrig lernst und fleißig betest. Tu das mein Sohn, und fahre darin fort. Wenn ich heimkomme, will ich Dir ein schönes Marktgeschenk mitbringen.

Ich weiß einen hübschen, schönen Lustgarten. Da gehen viele Kinder drin, haben goldene Röcklein an und lesen schöne Äpfel unter den Bäumen auf und Birnen, Kirschen, Mirabellen und Pflaumen, singen, springen und sind fröhlich. Sie haben auch schöne kleine Pferdlein mit goldenen Zäumen und silbernen Sätteln. Da fragt ich den Mann, des der Garten ist, wem die Kinder gehören. Da sprach er: Es sind die Kinder, die gern beten, lernen und fromm sind.

Da sprach ich: Lieber Mann, ich habe auch einen Sohn, der heißt Hänschen Luther; könnte er nicht auch in den Garten kommen, dass er auch so schöne Äpfel und Birnen essen und so feine Pferdlein reiten und mit diesen Kindlein spielen dürfte? Da sprach der Mann: Wenn er gerne betet, lernt und fromm ist, so soll er auch in den Garten kommen, Lippus[13] und Jost[14] auch. Und wenn sie alle zusammen kommen, so werden sie auch Pfeifen, Pauken, Lauten und allerhand anderes Saitenspiel bekommen, dürfen auch tanzen und mit kleinen Armbrüsten schießen.

Und er zeigt mir dort eine feine Wiese im Garten, zum Tanzen zugerichtet; da hingen lauter goldene Pfeifen und Pauken und feine silberne Armbrüste. […] Da […] sprach ich zu dem Mann: Ach, lieber Herr, ich will schnell hingehen und das alles meinem lieben Sohn Hänschen schreiben, dass er gewiss fleißig lernt, eifrig betet und fromm ist, damit er auch in diesen Garten kommt. […] Da sprach der Mann: So soll es sein; geh hin und schreib’s ihm also. Darum, lieber Sohn Hänschen, lerne und bete ja getrost und sage es Lippus und Jost auch, dass sie auch lernen und beten, so werdet Ihr miteinander in den Garten kommen. Sei hiermit dem lieben Gott befohlen […]. Dein lieber Vater Martin Luther.“[15]

Falls jemand Zweifel hat: der Garten ist – natürlich – das Paradies.

Wir alle hängen am Leben. Wir sollen uns nicht in die Ewigkeit hinein sehnen, bevor es an der Zeit ist. Aber wenn es an der Zeit ist, dann haben wir Christen eine Hoffnung. Von ihr dürfen wir reden. Die dürfen wir uns ausmalen. Denen zum Trost, die diese Welt verlassen müssen und denen, die zurückbleiben – bei welchem Tod auch immer.

 

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Anmerkungen

 

[1]           Vortrag, gehalten im Franz-Hitze-Haus, der Katholischen Sozialen Akademie des Bistums Münster, im Rahmen der Tagung „Wie tot ist tot? – Am Hirntod scheiden sich die Geister“, Samstag, 09. November 2013. – Der Text des Vortrags ist als PDF Datei zu finden auf der Homepage der Franz Hitze-Akademie: www.franz-hitze-haus.de.

[2]           Vgl. dazu Ulrich Eibach: Menschenwürdig sterben! Ist nur selbstbestimmtes Leben und Sterben menschenwürdig? In Dt. Pfarrerblatt 113 Jg. (2013), Heft 3, 152-161.

[3]           Jahrmarkt in Münster.

[4]           Eine ausführliche kritische Position beziehen die Evangelischen Frauen in Deutschland in ihrem jüngst veröffentlichten Positionspapier zur Organtransplantation: http://www.evangelischefrauen-deutschland.de/publikationen/positionspapiere.

[5]           Für eine Neudefinition des Begriffs Hirntod plädiert u.a. Ralf Stoecker: http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/fb-21-03-2012-stoecker-referat.pdf

[6]           Mt 22,37-40

[7]           1. Mose 2,7

[8]           Jes 43,1

[9]           Ps 139,13f.

[10]          1. Kor 15,41f.

[11]          Ps 139,8

[12]          Für den Hinweis auf den Brief danke ich Herrn Prof. Dr. Christian Peters, Münster.

[13]          Koseform für Philippus oder Philipp.

[14]          Söhne von Luthers Wittenberger Professorenkollegen Philipp Melanchthon und Justus Jonas.

[15]          Kürzungen und sprachlichen Glättungen stammen von mir. Der vollständige Text im ursprünglichen Wortlaut findet sich in: WA Briefe V, 377,1ff.