„Vom Himmel hoch, da komm ich her …?“

Überall begegnen einem Engel. Auf Postkarten und Bildern, in Büchern und Zeitschriften, in Schaufenstern und auf Floh­märkten. Engel zum Aufstellen, zum Hinhängen und Umhän­gen, zum Mitnehmen. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Kein Kaufhaus, keine Blumenhandlung, keine Tankstelle, wo man nicht einen kaufen könnte. Manchmal denkt man, die Engel sind aus den Kirchen ausgewandert und zu allgegenwärtigen Glücksbringern, zu einer Art Talisman geworden.

Was eigentlich macht ausgerechnet Engel zu einem so ansprechenden Thema, dass sie sich seit Jahren so gut verkaufen? Wahrscheinlich haben wir alle eine Sehnsucht nach Halt, nach Orientierung nach Schutz und Sicherheit. In einer Zeit, in der sich alles immer schneller verändert, die von uns als immer unberechenbarer erlebt wird, in der so gut wie nichts mehr sicher ist – kein Karriereweg, keine Rente, nicht mal unsere Währung, in einer solchen Zeit wird die Sehnsucht nach himmlischen Lösungen verständlicherweise größer. Da wäre es doch nicht schlecht, es käme jemand, der unsere unheile Welt zurechtzaubert.

 

Die Engel der Bibel taugen dafür allerdings nur begrenzt als Vorbilder. In der Heiligen Schrift übernehmen die Engel eine Art Mittler-Rolle zwischen Himmel und Erde. Sie überbringen Botschaften Gottes in die alltägliche Lebenswelt der Menschen. Das können Warnungen sein – oder auch tröstende und Mut-machende Nachrichten. Manchmal versetzen sie die Empfänger der Botschaften auch in ziemliche Unruhe. Als die schwangere Maria von einem Engel erfährt, dass sie ausgerechnet den Sohn Gottes zur Welt bringen soll, wird das kaum zu ihrer Beruhigung beigetragen haben.

Übereinstimmend ist in allen Berichten der Bibel, in denen Engel eine Rolle spielen, dass die Menschen verändert aus solchen Begegnungen hervorgehen. Sie schlagen einen neuen Weg ein. Sie ändern ihre Ziele. Sie wissen: Da ist tatsächlich ein Gott, der von mir etwas erwartet. Ein Gott, der mich kennt, der mich überall findet, vor dem ich nicht davonlaufen kann. Sie erleben: Da zaubert niemand. Da werden die Aufgaben und Erwartungen geklärt, die mir gestellt sind. Dafür gibt es die Zusage Gottes: Ich lasse dich nicht aus den Augen. Ich gebe Dir Kraft, für das, was auf Dich wartet.

Als Josef im Traum einen Engel sieht, fordert der ihn auf, das neu geborene Kind in Sicherheit zu bringen. Dem Kinder-mordenden König Herodes soll er mit Maria und dem Neugeborenen ausweichen und nach Ägypten fliehen. Kein Zauberer, dessen Stimme er da im Traum vernimmt. Sondern jemand, der ihm die Richtung weist auf einen dann immer noch sehr anstrengenden und gefährlichen Weg.

Mehr dürfen wir für unseren Weg auch nicht erwarten. Wegweisung wohl, – aber keine Zauberei. Die nötige Kraft, die wir brauchen werden, ganz gewiss, – aber keine Heile-Welt-Wunder. Und manchmal – den Engeln gleich – vermittelt durch Menschen, die Gott uns an die Seite stellt. Wer weiß, vielleicht werden wir selbst einmal zu solchen Mittlern göttlicher, tröstender, Mut-machender, Richtung-weisender Botschaften ausgewählt. Dieses Wunder ist jederzeit möglich. Nicht nur an Weihnachten.