Treffen kann es jeden

Ein Wärter im Zoo vergisst eine Tür zu schließen und wird von einem Tiger getötet. Ein älterer Autofahrer fährt in der Gegenrichtung auf die Autobahn auf und verur­sacht einen tödlichen Unfall. Junge Menschen halten ihr Leben für unerträglich und suchen den eigenen Tod.

Alles Nachrichten aus den letzten Wochen und Monaten. Alles Nachrichten aus Münster. Nicht irgendwo. Nicht irgendwer. Alles das ereignete sich in unserer unmittelbaren Nähe. Manche von uns haben die Opfer persönlich gekannt, sind mit ihnen vielleicht zur Schule gegangen, waren mit ihnen im selben Sportverein oder haben sie von der Arbeit gekannt.

Jedes Mal stehen anschließend Menschen bei den Trauerfeiern zusammen, die auf ihre Fragen keine Antworten finden. Warum musste das überhaupt geschehen? Warum musste es diese Menschen treffen? Warum konnte das niemand verhindern? Wenn es einen Gott gibt, wie konnte der das zulassen?

In mehr als 50 Lebensjahren habe ich viele vergleichbare Erfahrungen machen müssen. In meiner Arbeit als Seelsorger in einer Universitätsklinik gehören Katastrophen zu meinem Alltag. Bei den Johannitern werden wir immer wieder mit Leid und Schicksalsschlägen konfrontiert.

Antworten auf die dann entstehenden Fragen habe ich viele gehört. Ich muss zugeben: Mich hat noch keine wirklich überzeugt. Manche suchen die Schuld bei sich selbst. Andere kommen nicht los von der Suche nach den verantwortlichen Sündenböcken, die sie dann zur Rechenschaft ziehen wollen. Wieder andere sehen sich einem Schicksal ausgeliefert, das ihnen nun einmal so bestimmt war. Nicht wenige sehen sich von Gott gestraft und werten ihr Unheil als Quittung für zuvor begangene Sünden.

Das alles beantwortet die Fragen nicht wirklich. Ich glaube, dass wir die Ratlosigkeit, die Sprachlosigkeit und die begrenzten Antworten aushalten müssen. „Hier (auf dieser Erde)“ lese ich bei Paulus, „sehen wir wie in einem beschlagenen, trüben Spiegel, dann aber (wenn wir Gott gegenübertreten) werden wir erkennen.“ (1. Kor 13,12) Das auszuhalten, ist alles andere als leicht, aber wohl unausweichlich. Es gibt in dieser Welt nicht für alles eine ausreichende Erklärung.

Der Gedanke des Paulus stammt aus dem „hohen Lied“ über die Liebe. Die bleibt – als von Gott gegebener Maßstab und als Aufgabe. Sich in Liebe einander zuwenden, darum geht’s. Vor und in und nach den Katastrophen. Ganz gleich, wen es trifft.