Plädoyer für einen vergessenen Feiertag

Volkstrauertag. Reden und festliche Musik im Deutschen Bundestag. Kranzniederlegung in der Neuen Wache in Berlin. In der Tagesschau die übliche Berichterstattung. Wenn ich mich umschaue, dann gewinne ich den Eindruck: Die meisten bemerken davon so gut wie nichts.

Wie hieß der Feiertag doch gleich? Volkstrauertag? Kein schönes Thema. Ein Feiertag ohne Spaßfaktor. Er fällt immer auf einen Sonntag im November. Dann ist ohnehin alles grau draußen. Dazu kommt die unselige Geschichte dieses Feiertages in Deutschland. 1919 als Gedenktag für die Gefallenen des ersten Weltkrieges eingeführt, gedacht als Zeichen des Mitgefühls und der Solidarität zwischen den Angehörigen der Kriegtoten und denen, die keine Opfer in der eigenen Familie zu beklagen hatten, wurde der Tag 1934 durch die Nazis für deren Ideologie missbraucht. Per Gesetz wurde daraus ein staatlich verordneter und kontrollierter „Heldengedenktag“. Nicht mehr der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge war der Veranstalter, sondern Wehrmacht und NSDAP.

Erst nach dem Krieg wurde daraus ein Tag der Trauer und der Mahnung zum Frieden – in Übereinstimmung zwischen Bund, Ländern und Kirchen festgelegt auf den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. Seit 1950 wird der Tag mit einer Feierstunde im Deutschen Bundestag begangen. Geblieben sind bis heute die Zurückhaltung und die Skepsis vieler, ob das Gedenken an die Toten nicht allzu schnell in eine politisch gefährliche Heldenverehrung umschlagen könnte.

Ganz anders in anderen Ländern. Als Mark Knopfler 2009 sein Album „Get lucky“ veröffent­lichte, war darauf ein Song zum Remembrance Day zu finden. Beim Cricket erinnert er sich an die, die nicht mehr dabei sind: „Sam and Andy, Jack and John, / Charlie, Martin, Jamie, Ron, / Harry, Stephen, Will and Don, / Matthew, Michael, on and on”. Für den Gitarristen, Songwriter und ehemaligen lead singer der Dire Straits ist das Gedenken an die britischen Kriegstoten so selbstverständlich, dass er es in einem Popsong zum Thema machen kann.

„When November brings / The poppies on Remembrance Day /When the vicar comes to say /May God bless them , everyone / Lest we forget our sons / We will remember them … (dt.: „Wenn im November, am Volkstrauertag, Mohnblumen zu sehen sind, wenn der Pfarrer in seiner Ansprache sagt, Gott möge sie segnen, jeden einzelnen, damit wir unsere Söhne nicht vergessen, dann werden wir uns an sie erinnern.“)

Die Mohnblumen (engl.: „poppies“) sind seit dem ersten Weltkrieg ein weithin bekannt gewordenes Symbol der Trauer. Während der Flandernschlacht 1915 (Belgien) schrieb der kanadische Sanitätsoffizier John McCrae nach dem Tod eines Freundes ein Gedicht, in dem der rote Klatschmohn zum Symbol für das vergossene Blut der Gefallenen wird und zugleich zum Hoffnungszeichen, für ein Zusammenleben ohne Blutvergießen:

In Flanders fields the poppies blow / Between the crosses, row on row, / That mark our place; and in the sky / The larks, still bravely singing, fly / Scarce heard amid the guns below.“ (dt.: Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn / Zwischen den Kreuzen, Reihe um Reihe, / Die unseren Platz anzeigen; und am Himmel / Fliegen die Lerchen noch immer und singen tapfer / kaum gehört, unten, zwischen [den Schüssen] der Gewehre.“)

Sich unverkrampft, ohne falsch verstandene Heldenverehrung an die Opfer der Kriege zu erinnern, muss auch in Deutschland möglich sein. Das Leitwort der Kriegsgräberfürsorge ist jedenfalls noch immer aktuell:

„Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“.