Nehmt einander an …

Liebe Johanniter! Liebe Gäste und Freunde des Ordens und der Unfallhilfe!

Es ist guter Brauch in der Evangelischen Kirche, dass wir mit einem Wort aus der Heiligen Schrift in ein neues Jahr gehen. Ein Wort, das uns hoffentlich Orientierung geben wird, wenn wir vor wichtigen Entscheidungen stehen. Ein Wort, das uns Kraft verleihen wird, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Ein Wort, das Hoffnung schenken wird, wenn wir den Mut verlieren.

Ob wir das erleben werden mit der Jahreslosung für das noch junge Jahr 2015?

I.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Das klingt so einleuchtend und einfach, so wahr und weise. Es entspricht unserer tiefen Sehnsucht danach, verstanden zu werden. Wer wünscht sich das denn nicht? Einen Ort zu haben, an dem wir uns bedingungslos angenommen fühlen können. Einen Ort, an dem wir nicht an unserem Geldbeutel, nicht an unserer Leistungsfähigkeit und nicht an der Liste unserer Erfolge gemessen werden.

Einen Ort, nein, genauer: wenigstens einen Menschen zu haben, der uns auch dann annimmt, wenn wir niederge­schlagen sind. Der uns nicht aufgibt, wenn wir selbst aufgeben wollen. Der auch dann zu uns hält, wenn wir Fehler gemacht haben, richtig dumme Fehler, vielleicht, oder gar zum xten Mal wieder denselben.

Die Jahreslosung zielt mitten hinein in unsere zwischen­menschlichen Beziehungen, die genau an dieser Stelle immer wieder scheitern können. Es ist kein Zufall, dass dieser Satz aus dem Römerbrief des Paulus eine der Bibelstellen ist, die am häufigsten als Trauspruch gewählt werden. In ihm drückt sich die Sehnsucht aus, dass es wenigstens dem Menschen, mit dem ich meinen Lebensweg teilen will, gelingen könnte, mich so zu nehmen, wie ich nun mal bin, – die ganzen Macken und Grenzen eingeschlossen, mit denen ich manchmal selbst nicht zurechtkomme.

Wenn wir ehrlich sind, dann scheitern wir selbst oft genug, daran, die Menschen, mit denen wir leben, so anzunehmen, wie die nun mal gestrickt sind. Da regieren oft unsere Vorstellungen davon, wie die anderen zu sein haben, wie die sich verhalten sollen, damit das Leben in unserem Sinne läuft. Und dann erwischen wir uns dabei, wie wir bekritteln und kritisieren und besser wissen – und damit uns allen das Leben schwer machen.

Das ist ohne jeden Zweifel ein Wechselspiel. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Wenn ich mich angenommen fühle, dann gibt mir das Sicherheit und Selbstbewusstsein. Dann wachsen auch Geduld und Achtsamkeit im Umgang mit anderen. Wo ich einem Menschen vermitteln kann, dass er angenom­men ist, dass ich ihn mag, dass ich ihn lieben kann, -ohne dass er vorher Bedingungen erfüllen muss, dann stellt sich eine entspannte Atmosphäre ein, dann wächst eine Beziehung, die auch Belastungen aushalten kann.

II.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Paulus schreibt das so kurz und so deutlich, als ob auch nicht der geringste Zweifel daran möglich sei, dass das auch gelingen kann. Er geht selbstverständlich davon aus, dass dieser Gedanke Wirklichkeit werden kann im täglichen Miteinander. Seine Sicherheit gründet in Christus selbst. Weil der uns angenommen hat, jeden einzelnen – Sie und mich – deshalb können wir das auch. Weil jeder Mensch wissen darf, dass er in den Augen Jesu gut genug ist, weil jeder Mensch wertvoll ist und geliebt, deshalb können wir das ausstrahlen und weitertragen.

Die Geschichten der Evangelien erzählen in zahlreichen Beispielen, wie Jesus Menschen bedingungslos begegnet. Keine Vorbedingungen. Keine Vorbehalte. Keine Angst, anderen näher zu kommen. Jesus kann Menschen so gegenübertreten, dass sie sich angenommen fühlen, auch dann, wenn mit ihnen offensichtlich etwas nicht stimmt.

Denken wir an den Zöllner, der in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte. Jesus setzt sich mit ihm an einen Tisch und teilt mit ihm das Essen. Am Ende geht der Zöllner hin und versucht, die zu entschädigen, die er übers Ohr gehauen hat.(Lk 19,1-10) – Oder denken wir an die Ehebrecherin, die auf frischer Tat ertappt wird, und an die Männer, die sie steinigen wollen. Wer ohne Sünde ist, kann anfangen, sagt Jesus. Wer sich nie selbst etwas hat zu Schulden kommen lassen, bitte, der werfe den ersten Stein. Und dann fallen die Steine in den Sand und die Männer gehen nachdenklich davon. Und Du, sagt Jesus zu der Frau, nein, ich verurteile dich nicht. Geh und sündige hinfort nicht mehr. (Joh8,1-11) – Denken wir an den Leprakranken, den Aussätzigen, der sich von anderen fernhalten muss, um niemanden anzustecken. Er wird von Jesus geheilt, fällt auf die Knie und dankt ihm. Ausgerechnet ein Samariter. Ausgerech­net einer von denen, die wegen ihrer religiösen Unterschiede verachtet werden, ausgerechnet einer von denen wird geheilt und von Jesus als Vorbild hingestellt. (Lk17,11-19)

Jesus gelingt es immer wieder, Menschen bedingungslos anzunehmen. Dieser Jesus, der Sohn Gottes, der ist der Grund dafür, dass es gelingen kann, andere so anzunehmen, wie sie sind. Wer das erfahren hat, der weiß, das kann auch in unserem alltäglichen Leben gelingen.

III.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Nur der fromme Wunsch eines Pfarrers beim Neujahrs­empfang einer christlichen Hilfsorganisation, wo solche Träume ins Bild gehören? Nein. Ganz gewiss nicht! Beispiele dafür, dass dieser Satz keine Wunschvorstellung bleiben muss, erinnere ich genug aus dem letzten Jahr. Wohlgemerkt, Beispiele aus dem wirklichen Leben.

Ein Ruheständler ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Nach anstrengenden und erfolgreichen Berufsjahren hat er seinen Betrieb einem Jüngeren überlassen. Geld hätte er genug, um einen sorgenfreien Ruhestand zu genießen. Aber er sucht nach einer sinnvollen, erfüllenden Beschäftigung. Er nimmt mit einer Hauptschule Kontakt auf.

Seitdem ist er so etwas wie ein Pate für einige nicht ganz einfache Jungen. Wer sich darauf einlässt, kann zu ihm kommen und sich Hilfe holen. Einem Jungen aus Syrien bringt er Deutsch bei. Bei Kuchen und heißer Schokolade. Deutsch lernen geht auch ohne Schulbuch. Einem anderen hilft er in Mathe und ermöglicht ihm, Schwimmen zu lernen. Er nutzt für „seine Jungs“ die Kontakte zum Fußballverein. Wenn es ihm gelungen ist, jemanden von seinen Schützlingen in eine Lehrstelle zu vermitteln, wertet er das als ganz besonderen persönlichen Erfolg.

Auch an die vielen, die sich gemeldet haben, um bei der Unterbringung von Flüchtlingen in Rüthen geholfen haben, muss ich denken. Menschen helfen bei der Einrichtung von Zimmern. Sie spenden Möbel und Kleidung und Geld. Die wichtigste Spende ist aber wohl die Zeit, die Menschen einbringen, um persönlich mit denen in Kontakt zu kommen, die als Flüchtlinge bei uns eine sichere Bleibe suchen. Überall in Deutschland ist die Bereitschaft, Flüchtlingen zu helfen, groß.

Die diffusen Ängste , die Menschen vor dem Islam, vor allem Fremden überhaupt entwickeln, mögen in den Nachrichten zwar mehr Raum einnehmen. Die weitaus wichtigere Nachricht aber ist, dass es an so vielen Orten in ganz Deutschland gelingt, die Angst vor dem Fremden zu überwinden und Flüchtlingen zu helfen, – ganz gleich welche Hautfarbe sie haben, aus welchem Land sie zu uns kommen oder ob sie einer anderen Religion angehören.

IV.

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Das ist ein Satz, der viel mehr ist als eine Anweisung zu einem moralisch gutem Leben. Das ist wirklich eine Richtschnur, die uns helfen kann in diesem Jahr. Das kann wahrhaftig gelingen.

Es braucht dafür Vertrauen. Es braucht den Glauben an Christus, der bei uns sein wird, wenn wir den Versuch wagen, uns darauf einzulassen. Er, der einzige Trost im Leben und im Sterben. Er, das Licht dieser Welt, wird bei uns sein und niemanden blind durch das neue Jahr taumeln lassen. Er wird uns Orientierung geben, wenn wir vor Entscheidungen stehen. Er wird uns die nötige Kraft geben, die wir brauchen, um die Aufgaben zu meistern, die das Leben für uns bereit hält. Er ist unsere Hoffnung, denn er bleibt bei uns „alle Tage bis an das Ende der Welt“ (Mt 28,20).

Falls Ihnen doch mal Zweifel kommen: Schreiben Sie sich die Jahreslosung auf. Schreiben Sie’s einfach auf einen Zettel für‘s Portemonnaie. Hängen Sie den Spruch an die Pinnwand. Oder legen Sie ihn sich auf die Schreibtischunterlage:

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Wahrhaftig kein schlechter Leitsatz. Sich immer wieder einmal daran zu erinnern, kann nicht verkehrt sein.

Amen.

 

Frank Neumann, Landespfarrer (Westfalen)

frank.neumann@johanniter.de