Mitgefühl und Umkehr

Pfr. Neumann mit Johanniter-Stola an der Lamberti-Kanzel, dahinter Weihbischof Dr. Stefan Zekorn. Im dunklen Hintergrund rund um den Altar die jungen Fahnenträger von Johannitern, Maltesern und ASB (Foto: Hartmut Paul/ Evang. Kirchenkreis Münster)

Ökumenischer Gedenkgottesdienst des Bündnisses „Münsterland für Japan“

Ein sonniger Abend in der vorösterlichen Karwoche, Menschen flanieren über den Prinzipalmarkt. Vor dem Portal der katholischen Stadtkirche St. Lamberti sammeln sich immer mehr Herren, auch Damen und Jugendliche, die auf ihren Jackenärmeln ein gezacktes Kreuz tragen, das Symbol des Johanniter- und des Malteserordens. Junge Leute vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) in ihrer rot-silbrigen Rettungskleidung kommen hinzu.

Udo Schröder-Hörster, Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe Münsterland/Soest, freut sich über die Ökumene, die sich hier zusammengefunden hat: die katholischen Malteser, die evangelischen Johanniter und der ASB, der immerhin den aus der Jesusgeschichte bekannten nächstenliebenden Samariter im Namen trägt. Nach der Dreifach-Katastrophe vom 11. März in Japan die Naturgewalt von Erdbeben und Flutwelle mit nachfolgender Atomreaktor-Explosion haben die drei Hilfsorganisationen schnell gehandelt und ein Bündnis der Solidarität und Hilfe in Münster und im Münsterland geschlossen. Unter dem Motto „Münsterland für Japan“ sammeln sie Spenden im Verbund mit anderen Partnern, sie koordinieren und ermutigen Aktionen und Veranstaltungen hier in der Region, die auf die Not leidenden Menschen an der Nordostküste Japans aufmerksam machen.

Johanniter-Sprecher Tobias Eilers weiß auf dem Lamberti-Kirchplatz Konkretes zu erzählen, zum Beispiel von den Hilfslieferungen, mit denen Decken gegen die Kälte, Medikamente und Nahrung in die Evakuierungszentren transportiert wurden. „Es gibt jedoch auch Gesten der Solidarität, die nicht mit Geld zu messen sind,“ fügt er an. Dazu gehört der ökumenische Gedenkgottesdienst, zu dem das Dreier-Bündnis für diesen Dienstagabend eingeladen hat.

Feierlich ziehen die Abordnungen der Johanniter, Malteser und des ASB mit ihren Fahnen in die voll besetzte Lambertikirche ein, an der Spitze Weihbischof Stefan Zekorn, Diözesan-Jugendseelsorger der Malteser Martin Peters und der ev. Klinikpfarrer Frank Neumann. „Er ist Gott, Gott für uns, er allein ist letzter Halt…“, singt die Gemeinde. Weihbischof Zekorn stellt in der Eröffnung den Zusammenhang mit der Passion Jesu her, an die die Christenheit in dieser Woche denkt: „In Christus hat Gott die Leiden der Menschen geteilt.“ Der Weihbischof erinnert an die 27.000 Opfer , genau kennt man die Zahl immer noch nicht , an die rund 400.000 obdachlos gewordenen Frauen, Männer und Kinder in Notunterkünften, an den selbstlosen Einsatz der Helfer. Für sie alle soll heute gebetet werden. Und er weist im Blick auf die die Reaktorkatastrophe von Fukushima auf die Verwundbarkeit der Schöpfung hin, von der eine Mahnung ausgeht, die Grenzen der Technik nicht zu überschreiten.

Klinikpfarrer Frank Neumann, der den erkrankten Superintendenten Dr.Dieter Beese vertritt, nimmt in seiner Predigt diesen Ton auf. Sie steht unter der Überschrift „Wenn ihr nicht umkehrt…“. Es ist ein Jesus-Wort aus dem Lukasevangelium Kapitel 13. Damals hatten die Menschen in Israel beunruhigt nach dem Sinn eines Unglücks gefragt, das sich in ihrem Land ereignet hatte. Jesus antwortet darauf mit einem eindringlichen Ruf zur Umkehr: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“ Die Predigt, die nun Frank Neumann über den vom Superintendenten ausgewählten Bibeltext hält, will nicht drohen, aber doch nachdenklich machen. Das Beben im fernen Osten mit seinen ungeahnten Folgen hat auch die Sicherheit in unserm Land erschüttert, das sich zeitgleich an den 25. Jahrestag der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl erinnert.

Der Prediger vermeidet Forderungen an die Politik im eigenen Land. Die Opfer in Japan sollen nicht instrumentalisiert werden für die heimische Diskussion um den Atomausstieg. Doch einfach weitermachen wie bisher, hieße die Toten und von Verstrahlung Bedrohten in Japan zu leugnen, sagt der Seelsorger am Universitätsklinikum. Er stellt auch unser alltägliches Konsumverhalten in Frage und schließt mit der Mahnung des einstigen Priors von Taizé Roger Schutz: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast, und wenn es noch wenig ist, aber lebe es!“

Das werden Johanniter, Malteser und ASB auf ihre Weise weiter praktizieren. Das herzrote Logo ihres Aktionsbündnisses zeigt die Umrisse der Münsterlandkreise, umschrieben mit japanischen Schriftzeichen und deren deutscher Übersetzung: „Unser Mitgefühl von Herzen“. Daran hatte Elisabeth Hübler-Unemoto appelliert, die Pfarrerin der deutschen ev. Gemeinde in Tokio, mit der die Johanniter in Verbindung stehen. Sie schrieb in einem Brief kurz nach dem Erdbeben: „Beten und tun, was uns aufgetragen ist. Mehr nicht, aber das ist nicht wenig.“ Wobei die Fürbittgebete des Japan-Gedenkgottesdienstes am 19. April auch die Flüchtlingsnot und den Unfrieden in Nordafrika einschlossen, wo sich bereits die nächsten Einsätze der geübten Katastrophenhelfer abzeichnen. Doch an diesem Abend ist erst einmal die Hilfe für Japan dran, und dafür spendete die Gottesdienstgemeinde 830 Euro Kollekte.

Hartmut Paul

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