Jenseits des Jordans

 I.

Liebe Festgemeinde!

Wenn in Niedersachsen jemand sterben muss, dann geht er „über‘n Deister“. Das ist ein kleiner Höhenzug, südwestlich von Hannover. „Über‘n Deister“ – das war zu Zeiten, als man noch keine Autos kannte – weit weg. Da wusste man nur so unge­fähr, was dahinter liegt. Finstere Landschaft. Westfalen … ( – selbstverständlich: nur von Hannover aus gesehen …).

Wer in Wuppertal sterben muss, geht „über die Wupper“. Das ist als Redewendung noch bekannter geworden. Da wusste man sehr genau, was hinter dem Fluss liegt. Auf der anderen Seite der Wupper war, von der Stadt aus gesehen, nämlich das Amtsgericht, bei dem man im Konkursfalle vorsprechen musste. Wer mit seinem Geschäft Pleite machte, musste diesen bitteren Gang antreten und über die Wupper gehen. Wer zu noch früheren Zeiten zum Tode verurteilt wurde, ging diesen Weg. Jenseits der Wupper lag auch das Gefängnis, warteten Todeszellen und Schafott.

Seit biblischen Tagen gehen Menschen über den Jordan, wenn sie sterben müssen. Das wird sogar international verstanden. „To cross over Jordan“ – dieses Motiv wird in einer ganzen Reihe von Liedern und Spirituals besungen. „Swing low, sweet chariot” ist nur eines davon. „I looked over Jordan and what did I see? Coming for to carry me home. A band of angels was coming after me, coming for to carry me home.…” Also: „Ich blickte über den Jordan und was musste ich dort sehen? Eine Engelschar hielt Ausschau nach mir, um mich nach Hause“, gemeint ist: „in die Ewigkeit, zu holen.“

Die Redewendung, dass jemand über den Jordan gehen muss, stammt ursprünglich aus der Bibel. Die Geschichte dazu steht im 2. Buch der Könige, Kapitel 2,1-18. Sie handelt vom Tod des Propheten Elia. Ich lese uns das – in Auszügen – einmal vor. In der Geschichte spielen Elija, der große, bedeutende Prophet Israels, und sein Schüler und Nachfolger Elischa die Hauptrollen.

 

II.

2. Könige 2,1-18

„(1) Der Tag war nicht mehr fern, an dem der HERR den Propheten Elija […] zu sich in den Himmel holen wollte. Elija verließ [seinen Heimatort] und Elischa schloss sich ihm an. (2) Elija sagte zu ihm: »Bleib doch hier! Der HERR schickt mich nach Bet-El.« Aber Elischa erwiderte: »So gewiss der HERR lebt und du selbst lebst: Ich weiche nicht von deiner Seite!« So gingen sie miteinander nach Bet-El.

(3) Die Propheten der dortigen Prophetengemeinschaft kamen zu Elischa heraus und fragten ihn: »Weißt du, dass der HERR dir heute deinen Lehrer wegnehmen und ihn zu sich holen wird?« »Ich weiß es«, sagte Elischa, »erinnert mich nicht daran!« Wieder sagte Elija zu Elischa: »Bleib hier! Der HERR schickt mich nach Jericho.« Aber Elischa antwortete auch diesmal: »So gewiss der HERR lebt und du selbst lebst: Ich weiche nicht von deiner Seite!«So kamen die beiden nach Jericho.

(5) Die Propheten der dortigen Prophetengemeinschaft machten sich an Elischa heran und fragten: »Weißt du, dass der HERR dir heute deinen Lehrer wegnehmen und ihn zu sich holen wird?« Und wieder antwortete er: »Ich weiß es; erinnert mich nicht daran!« (6) Zum dritten Mal bat ihn Elija: »Bleib doch hier! Der HERR schickt mich an den Jordan.« Aber Elischa erwiderte: »So gewiss der HERR lebt und du selbst lebst: Ich weiche nicht von deiner Seite!« So gingen die beiden miteinander. (7) Fünfzig Propheten folgten ihnen bis an den Jordan und blieben in einiger Entfernung stehen.

(8) Elija rollte seinen Mantel zusammen und schlug damit auf das Wasser. Da teilte es sich und beide gingen trockenen Fußes durch den Fluss. […] (11) Während sie so im Gehen miteinander redeten, kam plötzlich ein Streitwagen aus Feuer mit Pferden aus Feuer und trennte sie voneinander, und Elija fuhr in einem gewaltigen Sturm in den Himmel. […]

(12) Als Elischa ihn nicht mehr sehen konnte, zerriss er sein Obergewand mittendurch. (13) Er hob den Mantel Elijas auf, der zu Boden gefallen war, und kehrte an den Jordan zurück. (14) Genau wie Elija schlug er damit auf das Wasser und rief: »Wo ist der HERR, der Gott Elijas?« Da teilte sich das Wasser und Elischa ging trockenen Fußes durch den Fluss.“

III.

Der alte Prophet, kommt seinem Tod auf dem Weg zum Jordan immer näher. Und er weiß genau, wo es hingeht. Zwar spricht er selbst es mit keinem Wort aus, aber es ist völlig klar: Er weiß, dass er sterben muss. Erst geht es nach Bet-El, dann nach Jericho, dann zum Ufer des Jordan. Immer näher zum Fluss und immer näher dem eigenen Tod.

Auf dem Weg dahin geschieht ihm, was viele Menschen erleben, die dem eigenen Tod wissentlich näher kommen. Es fällt allen schwer darüber zu reden. Die anderen reden eher dann darüber, wenn der Betroffene selbst nicht dabei ist. Wie die Prophetenschüler und Elias Nachfolger Elischa. „Weißt du…?“ „Hast du schon gehört …?“ „Es ist dir doch klar, wo es hingeht …?“ Und Elischa, der engste Vertraute des Propheten, findet keine Worte. „Verschont mich damit.“ „Ich will jetzt nicht reden.“ „Ich kann nicht darüber sprechen.“

Neben der Sprachlosigkeit ist die zunehmende Intimität zu spüren. Erst gehen sie noch an Orte, wo Wegfährten und Freunde sind. Einige von ihnen gehen mit bis kurz vor die Grenze. Nur einer allein bleibt bis zuletzt. Ganz ähnlich erleben Menschen das heute in den Krankenhäusers und Hospizen unseres Landes. Erst kommen die Besucher noch zahlreich. Die Arbeits­kollegen, die Freunde aus dem Verein, die Nachbarn. Zum Ende des Weges wächst die Intimität, in der nur die engsten Freunde und die Angehörigen noch einen Platz haben. Wie bei Elischa mit dem Versprechen: „Ich weiche nicht von deiner Seite.“ Wohl wissend, dass es am Ende eine Strecke gibt, die jeder gehen muss – und zwar allein ! – gehen muss. Hinüber über den Jordan. Den eigenen Tod müssen wir alle selber sterben.

Was auch immer wir auf der anderen Seite des Jordans erwarten: Wir haben alle Angst vor dem Weg dorthin. Wie lang wird der Weg sein? Wie weh wird das tun, alles zurückzu­lassen? Die Arbeit, für die wir gelebt, die Ziele, für die wir gekämpft, die Menschen, die wir geliebt haben?

Vielleicht werden wir auf der anderen Seite erkennen können, dass unsere Angst viel zu groß gewesen ist. Nach dem Glauben der Christenheit werden wir dann schauen, was wir hier glauben: Ein neuer Himmel, eine neue Erde werden auf uns warten. Keine Tränen, keine Klagen, keine Schmerz wird mehr sein.

Aber solange wir hier sind, wollen wir bleiben. So lange es irgend geht. Weiter arbeiten, uns weiter engagieren, teilneh­men am Leben, Zeit teilen mit den Menschen, die uns lieb und teuer sind.

IV.

Die Wege zum Jordan heute sind in mancher Hinsicht leichter, in anderer Hinsicht schwieriger als in früheren Zeiten. Wir verfügen in unserem Land – auf’s Ganze gesehen – über ein immer dichter gewachsenes Netz von palliativer Versorgung. Die Stadt Soest und das Umland gehören zu den letzten Lücken in diesem System. Gut, wenn es endlich gelingt, diese Lücke in der Versorgung zu schließen!

Auch hier ist mit der ambulanten Hospizbewegung etwas gewachsen – über fast zwei Jahrzehnte hinweg -, was es zuvor nicht gab und einen Reflex aus sehr konkrete Nöte einzelner darstellt. In einer Gesellschaft, in der die traditionellen Familiensysteme kleiner, zerbrechlicher und damit immer weniger tragfähig geworden sind, braucht es andere, neu zu entwickelnde Formen des Miteinanders. Gerade in der Begleitung von Menschen am Ende des Lebensweges war und ist weiterhin Phantasie und Einsatz für andere gefragt, gerade dann wenn familiäre Strukturen nicht mehr tragen oder gar ganz fehlen.

Es braucht Menschen, und es braucht Räume, damit ein Leben in Würde bis zuletzt für alle möglich wird. Ein Leben in Würde bis zuletzt für alle, unabhängig von nationalen, sprachlichen, religiösen und kulturellen Unter­schieden, unabhängig auch von sexueller und weltan­schau­licher Orientierung.

Heute und hier bedeutet das: Jede und jeder soll und kann nach Gottes Willen seinen Platz immer neu suchen und seine Rolle ausfüllen auf dem Weg durch das Leben, dessen Ende für uns alle jenseits des Jordans liegt. Für den einen heißt das: mithelfen, dass die notwendigen Räume auch hier in Soest entstehen können. Für den andere: Mittel spenden oder einwerben, damit die fachliche Hilfe, die ein stationäres Hospiz geben kann, auch bezahlt werden kann. Eine andere mag sich persönlich in der Begleitung Sterbender engagieren wollen. Und irgendwann werden wir es sein, die auf dem Weg immer größerer Intimität, auf dem Weg ans Ufer des Jordans für einen Menschen aus unserer nächsten Nähe die Begleiter sind – wie einst Elischa für seinen Lehrer und Vorgänger Elija. Und schließlich werden wir selbst diesen Weg gehen. Und das – Gott möge es schenken – hoffentlich mit einem Freund, mit einer Freundin an unserer Seite.

V.

Der Jordan ist ein Symbol für das Menschenleben. Die Quelle in den Golanhöhen. Dort sickert das Wasser aus dem Boden. Erst wenig und dann immer mehr. Ein Wunder in der Trockenheit Palästinas. Unendlich kostbar. Ein Geschenk Gottes. Wie unser Leben.

Der Fluss hat eine begrenzte Strecke. Von der Quelle bis zur Mündung. Wie unser Leben – von der Geburt bis zum Tod. So wie das Wasser fließt, rinnt unsere Lebenszeit. Mal schneller, mal strudelnd, mal schäumend, mal ruhig und seicht. Keiner weiß, wie lange. Schwer messbar, wie viel Wasser da unterwegs ist. Aber jeder Tropfen kostbar. Lebenssaft.

Am Ende löst sich der Jordan auf wie ins Nichts. Seine Wasser verdunsten über dem Toten Meer. Sie steigen auf in den Himmel. Und der Himmel? Sphäre Gottes, aus der alles Leben kommt und in die alles Leben eingeht.

Jenseits des Jordans: Heimat. Ewige Heimat. Am anderen Ufer des Jordans: GOTT selbst, der auf uns wartet. ER selbst, – die Quelle all unserer Kraft im Leben und im Sterben.

Amen.

 

Frank Neumann, JUH-Landespfarrer (Westfalen)

frank.neumann@johanniter.de