„Haben Sie mal ein paar Bohnen für mich?“

Der junge Koch in der Kantine blickte mich etwas verstört an: Grüne Bohnen könne ich als Beilage zum Stammessen 1 bekommen. “Nein“, antworte ich, “Ich brauche ein paar einzelne Bohnen. Es können auch Erbsen sein. Hauptsache man kann sie einzeln abzählen.“ „Ja, ähm, vielleicht am Salatbufett. Da sind weiße Bohnen, die können Sie auch einzeln …“ „Nein, ich brauche ein paar trockene Bohnen. Die man in die Hand nehmen kann. Für eine Patientin. Zum Zählen.“ Der Blick meines Gegenübers fällt auf den Mitarbeiterausweis an meinem Hemd. Die Berufsbezeichnung „Klinikpfarrer“ rettet mich wahrscheinlich vor einem Anruf in der Ambulanz der Klinik für Psychiatrie. Ich merke, ich muss dem Mann mit der seiner Kochmütze die Geschichte von Anfang an erzählen:

Bei einem Besuch auf einer Intensivstation lenkt mich der Stationsleiter zu einer Patientin. Alle seien ratlos. Eigentlich gehe es der Patientin nach einer erfolgreich verlaufenen Organtransplantation richtig gut. Keine Abstoßungsreaktion, keine Komplikationen. Alles laufe aus medizinischer Sicht bestens. Allerdings wolle die Patientin das nicht glauben. Sie sehe alles negativ. Ob da vielleicht jemand aus der Seelsorge mal einen Versuch machen könne, sie ein bisschen aufzumuntern …?

Nachdem sie mich freundlich auf einem Stuhl neben ihrem Bett hat Platz nehmen lassen, höre ich die ganze Litanei. Nach 10 Tagen sei sie immer noch auf der Intensivstation. Die Schwestern und Pfleger seien zwar bemüht, aber wahrscheinlich sei das alles nur Schauspiel. Die wollten sie sicher nur glauben machen, dass es ihr gut gehe. In Wahrheit stimme das ganz sicher nicht, sonst wäre sie schon längst auf der Normalstation. Nicht einmal das Essen schmecke. Niemand kümmere sich um sie. Sie liege hier mutterseelenallein und sei von den Ärzten längst aufgegeben und vom lieben Gott vergessen worden.

Nach einer Weile habe ich es satt, mich als Klagemauer zur Verfügung zu stellen. „Nein!“ interveniere ich. „Das stimmt doch alles gar nicht.“ Die Patientin ist irritiert. „Das alles nur Mist ist, was in unserem Leben geschieht, entspricht selten der Wahrheit. Wir drehen jetzt den Spieß mal um. Wir sammeln mal alles, was hier gerade gut läuft.“ Die frisch Operierte lässt sich darauf ein. Nach einer Weile haben wir eine ansehenliche Positiv-Liste zusammengestellt. Die Ärzte könnten durchaus die Wahrheit sagen, und es es läuft tatsächlich gut. Die Pflegenden sind vielleicht wirklich nett. Das Essen hat, auch wenn’s nicht so angerichtet ist wie zuhause, ein besseres Urteil verdient. Außerdem: Nach so vielen Regentagen, heute Sonne und blauer Himmel mit wenigen, aber schönen weißen Wolken, die der Wind über den Himmel treibt. Vergessen sein, stimmt auch nicht. Da war der Besuch der Freundin gestern und der Sohn, der sich fürs Wochenende angekündigt hat.

Ja, das alles sei auch richtig. Stirnrunzeln.  – Dann erzählt mir die Patientin nachdenklich, dass sie schon öfter in ihrem Leben gemerkt habe, dass sie sich leicht ins Negative hineinsteigern könne. Sie habe mal einen Tipp bekommen. Sie solle morgens Bohnen in die linke Hosentasche stecken. Jedes Mal, wenn etwas Positives geschehe, wenn etwas gelinge, wenn jemand freundlich zu ihr sei, dann sollte eine Bohne von der linken in die rechte Tasche wandern. Am Abend sollten dann die Bohnen aus der rechten Tasche noch einmal hervorgeholt werden – für den Versuch, zu erinnern, was heute alles gut gelaufen ist. Das hätte ihr geholfen. Aber hier im Krankenhaus … Sie muss über sich selbst lachen: „Ich habe nicht einmal mehr Taschen im Nachthemd!“

Gut, dachte ich. Der Dame kann geholfen werden. Und schon stand ich in der Kantine der Uniklinik …

Der junge Koch hat lange suchen müssen, hat aber schließlich Bohnen gefunden. Auf dem Nachttisch der Patientin standen kurz darauf ein Pappbecher und ein Wasserglas. In den folgenden Tagen wanderten immer wieder Trockenbohnen vom Becher ins Glas – für alles was gut lief. Einige, denen ich diese Geschichte erzählt habe, haben seitdem ständig Trockenbohnen in ihren Hosentaschen. Der junge Koch übrigens auch.