Gut überlegt – gemeinsamer Einsatz für Flüchtlinge

Fremdes und Unbekanntes löst bei uns Menschen einen Reflex aus: Wir gehen erst mal auf Abstand. Wir betrachten erst mal aus der Distanz, womit wir es zu tun haben. Wenn wir dann wissen, wie das Fremde und Unbekannte einzuordnen ist, wenn wir uns sicher glauben, dass keine Gefahr davon ausgeht, – erst dann trauen wir uns dichter heran und nehmen Kontakt auf.

Dieser archaische Reflex aus der Frühgeschichte der Menschheit scheint so tief in uns verwurzelt, dass er auch unseren modernen Zeiten, in denen wir uns zu fast allem schnell und zu jederzeit Informationen verschaffen können, immer noch nachwirkt. Wie sonst soll man die diffusen Ängste erklären, die Menschen, die es besser wissen könnten, auf die Straßen treiben, um gegen Flüchtlinge und Asylsuchenden in unserem Land zu demonstrieren?

Wir könnten es wirklich besser wissen. Dass niemand seine Heimat freiwillig verlässt, liegt auf der Hand. Dass es die nackte Not ums Überleben ist, die Menschen dazu bringt, ihr Land, ihre Häuser, ihren Besitz und die Menschen zurückzulassen, mit denen sie bisher zusammen gelebt haben, ist offensichtlich. Gründe für die Flucht gibt es viele – Krieg, Hunger, das Fehlen medizinischer Versorgung, Verfolgung aus politischen, religiösen Gründen, …. – die Liste ist lang. Wer sich über den Einzelfall erkundigen will, kann das in unserer Informationsgesellschaft detailliert tun.

Dass Emotionen stärker sein können als der Verstand, hat wohl jeder schon einmal erlebt. Vielleicht an sich selbst. Ohne rationale Argumente, ohne Aufklärung und Information kommen wir aber nicht zu tragfähigen Lösungen. Angst und unnötige Abwehrreflexe überwindet nur, wer sich von seinem Verstand zu gut überlegten Handlungen leiten lässt.

Die Entscheidung der Johanniter, sich bei der Unterbringung von Flüchtlingen zu engagieren, war gut überlegt. Die staatlichen Stellen, die mit der JUH zusammenarbeiten, schätzen aus bewährten Erfahrungen heraus deren Expertise und ihr Engagement. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in den letzten Wochen Großes geleistet und dafür nicht umsonst öffentliche Anerkennung erfahren.

Flüchtlingsprobleme sind so alt wie die Menschheit. Schon im alten Israel hat sich das Gottesvolk damit konfrontiert gesehen. Dabei haben zwei Gedanken geholfen, sich für Flüchtlinge zu engagieren und sich dabei nicht von diffusen Emotionen bestimmen zu lassen. Erstens war da der Glaube an einen Gott, der jedem Menschenkind seinen Lebensatem eingehaucht hat. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Flüchtlingen und Beheimateten. Und zweitens gab es die Erinnerung bei den alten Israeliten, dass die Generationen zuvor selbst die Erfahrung gemacht hatten, Fremde zu sein. Die Erinnerung an die Gefangenschaft in Ägypten wird in der jüdischen Geschichte wachgehalten: „Darum sollt auch ihr die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland“ (5. Mose 10,19).

Das Neue Testament kennt einen Gedanken, der uns auch heute noch motivieren kann, nicht nachzulassen, wenn es um ein Engagement für Flüchtlinge geht. Im Brief an die Hebräer findet sich dieser Satz:

„Gastfrei zu sein vergesst nicht;denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebr 13,2).

[Erstveröffentlichung in: „Am Puls“ | Newsletter der Johanniter-Unfall-Hilfe  für den Regionalverband Münsterland-Soest | Ausgabe März/April 2015]