Der Mann im Hintergrund: Josef

Liebe Gemeinde!

Haben Sie auch eine Krippe zuhause? Die Weihnachtskrippen scheinen ein zeitloses und alle Generationen ansprechendes Phänomen zu sein. Kein Weihnachtsmarkt auf dem nicht ein Stand zu finden wäre, an dem sich die Figuren für das tradi­tionelle Krippenensemble kaufen ließen – Maria und, Josef, die Futterkrippe mit dem Kind, Ochs und Esel, die Engel und die Hirten und – nicht zuletzt – die besonders beliebten heiligen drei Könige. Dazu gibt es gut besuchte Krippenaus­stellungen aller Orten. Das für uns so nahe liegende Museum in Telgte ist (laut Wikipedia) dabei nur einer von nicht weniger als 24 Orten, an denen man dauerhaft – also das ganze Jahr über – Krippen betrachten kann.

Die evangelische Kirche war den bildlichen Darstellungen biblischer Geschichten gegenüber in ihren Anfängen eher skeptisch eingestellt. Heiligenfiguren, – ganz gleich ob als Skulpturen gestaltet oder in Glasfenstern oder auf Altären gemalt – wurden aus vielen Kirchen entfernt. Das Wort allein sollte im Zentrum stehen, das Wort von dem Gott, der geboten hatte: „Du sollst keine Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ (2. Mose 20,4)

Es waren Jesuiten in der Zeit der Gegenreformation nach dem Tod Martin Luthers, die schnell gemerkt hatten, dass die Reformatoren in ihrer Kritik an der Heiligenverehrung damit zu weit gegangen waren. Heute ist uns selbstverständlich, dass sich mit bildlichen Darstellungen biblische Geschichten hervorragend weitererzählen lassen. Die ersten Krippen – so wie wir sie bis heute kennen – wurden seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in den katholischen Kirchen aufgestellt und zeigten sehr lebendig und für jeden verständlich, was in Bethlehem geschehen war.

Also keine Angst – ich will Ihnen Ihre Krippe zu Hause keineswegs madig machen. Ich habe selbst eine zu Hause. Eine aus eher grob geschnitzten Figuren. Bestens dafür geeignet, um die Weihnachtsgeschichte mit Kindern nachstellen zu können oder die Kinder damit spielen zu lassen.

Eine Figur darin macht mich allerdings immer wieder von Neuem nachdenklich. Jedes Mal wenn ich eine Krippe irgendwo sehe, – sei es bei einem Besuch bei Freunden oder auch im Museum -, muss ich mir den Josef etwas genauer anschauen. In unserer Familienkrippe zuhause, so grob wie sie nun mal gearbeitet ist, wirkt er eher alterslos. Meistens aber sieht Josef aus wie ein schon etwas gebrechlicher älterer Herr. Eher ein Großvater als ein junger, tatkräftiger Mann.

Das kann man sich kirchenhistorisch schnell erklären: Wenn man die Jungfräulichkeit, die unbefleckte Empfängnis, den Gedanken von der reinen Jungfrau und Gottesmutter Maria in den Vordergrund rücken will, dann passt so ein junger Ehemann irgendwie schlecht ins Bild.

Aber deckt sich das mit dem biblischen Zeugnis? Ich lese als Ergänzung zu unserem Weihnachtsevangelium aus dem Bericht des Lukas einen Abschnitt aus dem Evangelium des Matthäus (Mt 1,18-21.24-25):

(18) Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. (19) Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. (20) Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. (21) Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. […] (24) Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. (25) Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.“

Von einem alten Mann lese ich nichts. Aber von einem jungen Mann am Anfang einer Beziehung, die auf Dauer angelegt ist. Doch bevor es richtig angefangen hat, droht schon das Ende. Maria erwartet ein Kind, das nicht von Josef ist. Das würde auch heute in unseren Zweierbeziehungen zu Irritationen führen. Josef hat ein richtiges Problem. Die Lösung, die ihm einfällt, ist, Maria heimlich zu verlassen.

Nicht aus Feigheit, sondern um Maria zu schützen. Jede Frau, die damals unter Verdacht geriet, Ehebruch begangen zu haben, untreu gewesen zu sein, konnte öffentlich gedemütigt und hart bestraft werden. Heimlich abhauen, wäre deshalb auch für Maria nicht die schlechteste der möglichen Lösungen gewesen. Dann wäre zwar Josefs Ruf ruiniert; aber damit konnte ein Mann an einem anderen Ort weiterleben.

Josef macht es sich nicht einfach. Aber – typisch Mann, werden manche Frauen jetzt denken, – er macht es mit sich allein aus. In der ganzen Geschichte kein Gespräch mit Maria. Nicht ein Wort ist überliefert. Statt dessen ein Traum, der die Lösung bringt. Er träumt von einem Engel, der ihm offensichtlich alle Angst nimmt und ihm Mut macht, sich auf das für ihn unbegreifliche Geschehen einzulassen.

So ist das manchmal mit Träumen. Was wir in unserem Tagesbewusstsein nicht zu denken wagen, wird im Traum möglich. In unseren Lebenskrisen können im Traum Seiten eines Konfliktes sichtbar werden, die wir tagsüber in unseren Selbstgesprächen und in festgefahrenen Gedanken nicht wahrnehmen können. So ist es bei Josef.

Der Engel spricht ihn in einer überraschenden Weise an: „Josef, du Sohn Davids.“ Josef kann seine Herkunft von David herleiten, dem großen König Israels. Daran wird er bei seiner Arbeit als Zimmermann nicht täglich gedacht haben. Der Engel, ein Bote Gottes, erinnert ihn daran, wer er in den Augen Gottes ist: „Josef, du Sohn Davids! Du Königssohn!“

Der Maler und Mönch Sieger Köder hat das in seinem Krippenbild eingefangen: Unten, im purpur-farbenen Königsmantel, David, aus dessen Geschlecht Josef abstammt. In der Mitte Maria mit dem Kind. Daneben ein Hirtenmädchen. Hinter ihr sieht man den Stern von Bethlehem, das göttliche Licht, das durch das Dunkel der Nacht in den Stall hineinstrahlt. Und oben links: der schlafende Josef. Den Kopf nach oben gewandt. Zeichen für den Traum, in dem er die Stimme des Engels vernimmt.

Der Engel zeigt ihm im Traum das Kind. Dieses Kind, das seine Beziehung zu Maria stört und durcheinander­bringt. „Josef, du Sohn Davids. Du Königssohn! Du Mensch besonderer Würde! Sieh es dir an dieses Kind, das du nicht annehmen willst! In diesem Menschenkind kommt Gott selbst den Menschen ganz nahe. Dieses Kind hat einen Namen. Jesus – das heißt: Gott ist Hilfe. Und: Immanuel – das heißt: Gott mit uns.“

Josef entscheidet sich für das Kind und für Maria. Er erkennt: Dieses Kind ist kein Anlass zur Trennung. Es ist ein Kind, das Gemeinschaft stiftet, das Gott und Menschen in Beziehung bringt. Sein Name ist „Gott mit uns“.

Gott ist mit uns. Gott schafft Beziehung. Er stiftet Gemein­schaft zwischen sich und uns, zwischen uns und anderen. Er öffnet uns die Augen gerade für die Menschen, die wir gern los sein möchten. Er legt uns die Frage vor: Gibt es wirklich nur diese Lösung? Trennen ! Entlassen! Ausweisen! Oder gibt es auch den Weg gemeinsamer Verantwortung?

Für Josef, dem Sohn Davids, hat diese Traumbotschaft vom „Gott mit uns“ konkrete Folgen. Er ändert seine Lebensentscheidung. Nicht mehr: ich trenne mich von Maria. Nein, er nimmt sie auf als seine Frau mit allen Konsequenzen. Er übernimmt Verantwortung für das, was sie an Schicksal mitbringt. Das wird ihn noch manche schlaflose Nacht kosten, das wird noch manche Pläne zerstören, ihn noch manche Angst einbringen. Aber er hat sich entschieden. Er entscheidet sich für die Gemeinsamkeit: ich mit dir, du mit mir, wir beide gemeinsam und mit uns das Kind. Und damit: Gott mit uns.

Beim Aufstellen unserer Krippenfiguren machen wir das jedes Jahr wieder neu sichtbar: Gott tritt in Beziehung zu uns Menschen. Er ist den Menschen nah, die sich ihm öffnen: einfachen Leute, wie den Hirten bei ihrer Arbeit auf dem Feld. Den Weisen bei ihrer Suche nach dem neu geborenen König der Juden. Übrigens, sind das alles Menschen, die heute nicht überall willkommen wären in unserem Land. Menschen unterschied­licher Herkunft und Nationalität und Sprache.

Das Krippengeschehen ist seinem Ursprung nach keine Idylle. Gott kommt nicht in eine heile Welt, nicht in sichere, trockene, warme, behagliche Wohnzimmer. Werfen Sie noch einmal einen Blick auf Ihr Liedblatt. Sieger Köder zeichnet die Balken des Stalles nicht zufällig so, dass sie an die drei Kreuze auf Golgatha erinnern. Über dem gerade erst geborenen Kind erscheinen schon die Zeichen seines Leidens. Gott kommt in diesem Kind den gefährdeten, den bedrohten Menschen nahe.

Die Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem ist eine Flüchtlingsgeschichte. Nach dem Besuch der Weisen aus dem Morgenland geht es so weiter, beginnend wieder mit einem Traum (Mt 2,13-15):

„(13) Als sie aber hinweg gezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. (14) Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten (15) und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes […].“

Wieder ist es Josef der träumt. Wieder redet er nicht. Kein Wort. Aber auf das Wort Gottes hin, trifft er eine verantwortliche Entscheidung. Er macht wenig Worte. Er glaubt und handelt.

Wenn Sie zuhause Ihre Krippe betrachten, schenken Sie dem zurückhaltenden, im Hintergrund agierenden Josef besondere Beachtung. Daran will er uns erinnern:

Gott ist uns nahe. Auch in den Krisen unseres Lebens verlässt er uns nicht, auch dann nicht, wenn die Welt sich über­raschend ändert, wenn Lebenspläne durcheinanderge­wirbelt werden, wenn wir es in dieser komplizierter werdenden Welt mit der Angst zu tun bekommen. Gott bleibt uns nahe und hilft uns, tragfähige Entscheidungen zu treffen – in Verantwortung vor ihm und in Verantwortung füreinander.

Amen.

 

Bildnachweis:

von M0tty (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)]