„Beten – aber das ist nicht wenig …!“

Japan – Karte mit dem Epizentrum des Erdbebens (Foto: © gurgenb/Fotolia)

Soll man überhaupt etwas schreiben zu den Ereignissen in Japan? Lässt sich in Worte fassen, was da an Schrecklichem zusammentrifft? Ist nicht längst alles gesagt und jedes weitere Wort damit zu viel?

Zum ersten Mal in der Geschichte wendet sich der Kaiser in Japan in einer Fernsehansprache an sein Volk. „Ich hoffe aus der Tiefe meines Herzens, dass die Bevölkerung Hand in Hand einander mit Mitleid begegnet und diese schwierige Zeit überwindet.“1 Er bete dafür, so der 77 Jahre alte Kaiser Akihito, dass noch Opfer gerettet werden könnten. Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, bittet die Christinnen und Christen in Deutschland „nicht nachzulassen im Gebet.“

„Jetzt hilft nur noch beten.“ Wo immer ich diese Worte in den letzten Jahren gehört habe, waren sie eher spöttisch gemeint. Was so klingt wie eine Bemerkung aus dem politischen Kabarett, ist in der Wirklichkeit oft ein Reflex, den Menschen in Not überrascht und verwundert an sich selbst (wieder) entdecken. Wo immer wir an unsere Grenzen geraten, wo deutlich wird, dass wir mit unseren eigenen Kräften und Möglichkeiten nicht weiterkommen, beginnen wir zu beten. Manchen kommt ein Stoßgebet über die Lippen – auch dann, wenn sie jahrelang nicht mehr gebetet haben. Andere zünden Kerzen an und verbinden damit Gedanken und Bitten für Menschen, denen sie selbst in der Not nicht weiterhelfen können.

Die evangelische Pfarrerin der deutschen Gemeinde in Tokyo, Elisabeth Hübler-Umemoto, schreibt in einem Brief: Das Entsetzen ist so groß und so nah, dass ich es nicht fühlen kann. Es passt in eine Seele nicht hinein. […] wie gespenstisch es sich anfühlt, weiter zu funktionieren, zu arbeiten wie immer – während gleichzeitig Menschen sterben, Welten zusammen brechen, nichts mehr so ist wie vorher.

Was ist wichtig in solchen Erfahrungen? Ist unser sonst so wichtiges Leben und Geldverdienen und Beherrschen und Gestalten nicht einfach nur äußerlich? […]

Die Parameter verschieben sich. Das eigentlich Wichtige sind die anderen Menschen, sind die Beziehungen, der direkte Kontakt, das miteinander Teilen von Gedanken, Gefühlen, das Sich gegenseitig erzählen, wie es mir ergeht.

Und dennoch machen wir weiter, tun, was uns aufgetragen ist und beten um die Gegenwart Gottes, die uns Kraft und Gelassenheit gibt. Begeben uns in die Obhut des Unverfügbaren. Mehr haben wir nicht: Beten und tun, was uns aufgetragen ist. Mehr nicht, aber das ist nicht wenig.“2

Das gleiche gilt hier, wenn uns die Fernsehbilder in ihren Bann ziehen und lähmen wollen. Tun, was uns aufgetragen ist. Wer kann: Spenden. Beten. Kerzen anzünden. Mehr nicht, aber das ist nicht wenig.

„Wir glauben an die verändernde Kraft des Gebetes. Wir rufen zu Gott, er möge den Menschen in Japan beistehen. In Stunden wie diesen können wir Zuflucht nehmen zu den Worten der Psalmen:

Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, /eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben./ Darum fürchten wir uns nicht,/ wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken,/ wenngleich das Meer wütete und wallte/ und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. (Psalm 46, 2-4)

Ich möchte die Christinnen und Christen in Deutschland bitten, nicht nachzulassen im Gebet.“3   (Präses Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland)

Anmerkungen:

1     Aus der Ansprache Kaiser Akihitos. Übersetzung: Japanische Botschaft.  Veröffentlicht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17.03.2011.

 2     Die vollständige Fassung des Briefes von Pfarrerin Hübler-Umemoto ist auf der Homepage der Evangelischen Kirche in Deutschland nachzulesen: http://www.ekd.de/japan/75746.html.

3     Aus der Pressenotiz: „EKD-Ratsvorsitzender: Nicht nachlassen im Gebet für Japan“ vom 14. März 2011. http://www.ekd.de/japan/pm56_2011_rv_fuerbitte_japan.html

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